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labyrinthischer denkraum


Der ausgeräumte Raum ist leergeträumt. Kein Klang, keine Schwingung, kein Schall, kein Widerhall. Nichts. Kein Ton, keine Intention. Leere.

Jedes Wort wäre Schwingung. Wortfrequenz aus dem Meer des Lebens gefischt. Erzählen. Zuhören. Der Erzählenden zuhören. Das Erzählte hören. Das Gehörte in innere Bilder umsetzen, mit Assoziationen verbinden. Nein, hier sind emotionale Leerräume zu finden. Keine Erzählung. Keine Aufzählung der Versäumnisse. Nichts Geschehenes. Geschehenes ist meist geradlinig. Zeit zählt zu Ende. Zählt vielleicht auch zusammen. Summa summarum: die Quintessenz der Geschichte. Verweigert sich.

Der Rückzug aus der Wortwelt wird Ort unabhängig zum Einzug in einen anderen Raum. Übergangslos. Nicht zuhören wollen. Keinen Gedanken an Gedanken gereiht lauschen wollen. Niemals geradlinigen Satzketten. Auch keine eingefädelt aufgefädelten Handlungen sehen wollen. Wenn, dann schon fühlen. Die Raumleere. Taktil. Rauh, kalt, windig, feucht, elektrisch aufgeladen. Alles windet sich. Die Spur führt schlangengleich in die andere Zeit. Gewandelte Zeit im Raum. Raumwandlungen in Zeiträumen.

Doch hier: Zuerst Schweigen. Dann Schauen. In die Sonne. Ihr Licht vor den Wolken. Hinter den Wolken der verstrahlende Feuerball. Sonne. Feuer des Lebens. Todesfeuer, auch. Der Beginn der Welt: ein Sonnenaufgang. Lichtwelt aus dem Dunkel. Die irdische Welt hat beide. Helligkeit und Dunkelheit; sie schließen einander aus. Licht und Schatten; sie bedingen einander.
Symbol des Lichts, die Sonne, auch der Lichtstrahl. Der Lichtstrahl, nicht länger nur Abbild, wie Menschen Abbild des biblischen Gottes. Sichtbarmachender und sichtbarer Lichtstrahl, als riesiges Scheinwerferlicht in das All gerichtet, beleuchtet er nichts, leuchtet sich selbst. Lichtarchitektur. Architektur Mensch. Wahrnehmungsgeschichte. Widergespiegelte Gesellschaftsgeschichte im Licht der Erkenntnis.
Licht in der Zeit. Licht braucht Zeit um sich fortzubewegen im Raum. Wie Menschen auch. Mehr als nur das Tempo unterscheidet, verbindet die beiden.
Licht und Zeit verschwinden schlußendlich in schwarzen Löchern. Tatsächlich schlußendlich. Da gibt es nichts Beobachtbares mehr. Kein Zeitsignal. Und der Mensch? Sein Tod? Der Tod eines Menschen, ein Verschwinden. Aus dem Ereignishorizont. Doch kein Verschwinden, nein, nur nicht mehr beobachtbar. Menschen sind lichtgleich. Schwingen im leergeträumten Raum.

Die Dunkelheit strahlt nicht ihr Dunkel aus, sie scheint nicht ins Licht. Das die Dunkelheit verdrängende Licht erhellt. Erkenntnis statt Nichtwissen. Blitzartige Erleuchtungen. Technik veränderte die Welt. Unsichtbares wird sichtbar gemacht. Techniken verändern das Leben. Wahrlich, den Erleuchteten, geht die Sonne nie mehr auf und unter. Ihnen ist es ein für allemal Tag. (Upanishad)

Lichtwelle oder Lichtteilchen, der Lichtstrahl scheint linear. Die Spur führt in einen spracherhellenden Raum. Also doch wieder Worte.
Zu rechts ist im ethymologischen Wörterbuch zu lesen: reg - sich geradlinig bewegen, steht in engem Zusammenhang mit Region, recht(winkelig) rechtmäßig, Richtung rechts, aufrecht, korrekt, richtig und: Königtum, Regierung, Ordnung, Richter, Regent, Regime, Regulativ, Regular, Regel. Auch das Wort "Recht" leitet sich von "gerade" ab. "regere" bedeutet "in einer geraden Linie lenken oder führen". "regula" und "regulus" sind Richtholz, Lineal, Richtschnur und Maßstab. "ruler" heißt übersetzt beides: Herrscher und Lineal. "regio" bedeutet Richtung, Linie, Grenzlinie, Grenze, Region.
Langsam füllt sich der Denkraum mit Gedankenwegen.

Von der Intuition zur Perfektion der Kognition und wieder zurück. Aus dem sichtbaren Horizontbogen wurde eine Gerade im Kopf. Eine Denkrichtung. Ein Strich. Eine Linie, der Weg. Bewegungsspur. Denkspur. Redespur. Schreibspur. Handlungsspur. Beziehungsspur. Linear. Wo ist der Bogen? Ein Klangbogen. Leben ist Klang. Schall. Und Rauch.
In alten Wahrsagungen hatte der Bogen Bedeutung. Er symbolisierte jene Verzögerung, die göttliche Distanz von Impuls und Ursache sowie Entschlüsselung und Wirkung ist. Weisheiten. Nicht nur Tragödien folgen dem alten Weg der Bögen und Wendungen, dem Weg, der Umweg ist und doch gnadenlos im Zentrum endet. Um-weg. Zuerst der Weg um das Zentrum. Wie die Katze um den heißen Brei schleicht. Aber dann ist das Zentrum, das Ziel, der Mittelpunkt erreicht. Im Zentrum steht er dann, der Brei für die Katze, Minotaurus für den Mann. Das Spiegelbild ist Gegner, Minotaurus wird getötet.
Ariadne stand einst vor ihm an diesem Platz. Symbol der körperlichen, geistigen und spirituellen Transformation.
Zentrumsgeschichte. Machtmythen. Im Mittelpunkt stehend. Der ausgeräumte Raum ist leergeträumt. Kein Klang. Kein Weinen, kein Lachen. Nichts. Vergessene Wirklichkeiten wurden zu spürbarer Leere. Gnadenlose Leere. Das Unvertraute macht Angst. Namensgebung beruhigt. Geschichtenerzählen schläfert ein oder rüttelt auf. Macht. Immer über andere. Chinesischen Geomanten bezeugen, positive natürliche Drachenadern sind niemals gerade. Nur der Kaiser war imstande, hieß es, und nur ihm war es erlaubt, mit der gefährlichen Energie gerader Linien umzugehen. Machtansprüche. Machtverteilungen. Doch weder Lebensweg noch Machtwege sind geradlinig. Das wußten und wissen die GeschichtenerzählerInnen. Aber wie wird heute gelebt ? Der Lebensbogen von Machthabern, Politikern: geradegebogen. Geradlinigkeit Lebendigkeit vortäuschend, fordert maximale Geschwindigkeit für maximale Maximierung.
Die doppelt geschwungene Wirbelsäule ist Voraussetzung für den aufrechten Gang. Würde der Hase nicht Zick-Zack laufen, es wäre sein Tod. Ein Fluß windet sich meanderförmig. Der Weg führt pendelnd durch das Leben. Labyrinthisch.
Das Hin und Her erzeugt Schwindel. Schwindel erzeugt und ist Täuschung. Desorientierung, wo es kein Verlaufen gibt. Es gibt im Labyrinth nur einen Weg. Einen. Der Ausweg, jener, der Eingang ist. Aus-Weg. Es gibt kein Schwindeln. Auf diesem Weg. Ein Gegenpol? Ein Drittes? Daedalus flog. Flog über alles hinweg. Und stürzte zu Tode. Sein Aus-Weg.
Reiseanleitungen sind unnötig, auch Wegweiser, wo es keine Wegkreuzungen gibt. Traumwandlerisches Wandeln, den einen Weg entlang.
Verwirrung, wenn die Gewohnheit eine geradlinige ist. Wie ungewohnt sind Umwege. Enttäuschung. Tausch. Getauschte Wirklichkeiten. Vertauschte Mythen.
Der ausgeräumte Raum ist leergeträumt. Kein Klang, keine Schwingung, kein Schall, kein Widerhall. Nichts. Kein Ton, keine Intention. Leere. Selbst das Licht, wenn es auf kein Objekt fällt, erhellt nicht den Raum.

Der Weg hinein. Er kann lange dauern. Sehr lange. Manchmal so lange, daß einer aufgibt. Stehenbleibt. Sich niedersetzt. Sich dem Weg widersetzt. Widerstand leistet. Sich nicht führen läßt. Vom Weg. Verzweifelt. Gegen die Mauer läuft. Wieder, immer wieder. Bis zur Erschöpfung. Stur in den Tod. Oder doch zurückgehen. Oder doch vorwärtsgehen, ins Zentrum.
Der Weg hinein führt auch wieder hinaus. Beide derselbe und doch nicht gleich. Die Kunst zu wandeln. Technik als Kunst. Kunst als Wandlung. Wandlungstechnik. Vorwärtsblickend zurückgehen. Auf Umwegen.
Es ist der Lebensrhythmus, der im Labyrinth zum Ausdruck kommt. Es ist der Tod, der wartet und lacht, über die Wunder der Gentechnologien.

aus dir
schöpfend
gieße ich
mich
ins Angstmeer
siebe mich
in den Strom
des Zweifels
durchwandere
Wüsten
des Getrenntseins
Lichtwelt
aus dir
schöpfe ich
grundlos
Vertrauen


Der ausgeträumte Raum ist bildleer. Keine Information. Keine Inhalte. Kein Weltbild. Kein Bild von der Welt. Keine Vor-Stellungen mehr. Nichts zwischen dir und dir und dir und der Welt. Nun kannst du Feuer trinken und Erde atmen.
Die Gegenwelt. Mediale Konstruktion der Wirklichkeit. Die Technik ermöglicht es. Bilder von anderen kreiert, überziehen flächendeckend die Erde. Wer sich der Bilder bemächtigt, beherrscht die Welt. Die Entscheidung für ein Bild gegen ein anderes oder die Verknüpfung zweier Bilder zu einer Aussage, das Kombinieren von Bildern und Ideen mündet in Scheinwirklichkeit. Standortfragen im gefüllten Raum. Schaumgefüllte Realitäten. Champagner. Zuckergesüßtes Schlagobers gleich neben dem Kren. Welch Mayawelt! Aus der Dunkelkammer.

Handeln im ausgeräumten Raum, der leergeträumt. Handeln in der Leere. In die Leere hinein. Leere Handlungen. Handlungsleere. Über die Sinne zum Sinn. Der ideelle Schutt der weggeräumten Bilder ist abgewischt und weggesaugt. Leben ist Bewegung ist Tanz ist Erfahrung von Zeit und Raum in Zeit und Raum. Vor dem Tanz: der erste Bewegungsimpuls. Sinnen ist ein Gehen. Auch Reisen.
Bewegungstechnik - ein labyrinthischer Prozeß.
Im Tanz wandeln sich ZuschauerInnen zu AkteurInnen. Ihres Lebens. Spielend, Sinn und Zweck in sich selbst, wird der leergeräumte Raum tanzend traumgefüllt; technisch gekonnt. Figuren zusammengebaut, gezimmert, geflochten, zusammengesetzt, kunstvoll gefügt. Kunst, Synonym für Technik und umgekehrt, Technik, Synonym für Kunst. Kunst und Technik, die einstmals Vereinten, später Getrennten, kommen über den Um-Weg wieder zusammen. Über den Umweg. Durch das Labyrinth.

Bewegungsdynamik im Materiellen. Die Energie, der Geist in dynamische Bewegung fließend und optischen Ausdruck findend, ist nicht linear statisch, nicht gleichförmig gleich den lateinischen Buchstaben. Auf weißem Blatt, in die Leere hinein, chinesischen Schriftzeichen.
Die Menschheit lebt sich in die Welt und die Leere. Aus der Leere des Raumes entspringen die Qualitäten Weisheit und Verwirrung. Die uranfängliche Leere hat kein Gegenstück. Die Trennung der Einheit in Gegenpole von Tag und Nacht, Feuer und Wasser, Yab und Yum, Du und Ich begündet Konflikte. Die Welt. Wie sie ist. Ein Irrgarten ist kein labyrinthischer Denkraum. Das Labyrinth ist zeitloser Lebensraum.

Aus Roten Riesen, sterbenden Sonnen, entstanden die Elemente im All, die Welt, alles. Dort, und nur dort, wo es warm genug ist, bei hundert Millionen Grad, konnten Kohlenstoff und Sauerstoff entstehen.
Leben aus der sterbenden Sonne. Leben aus dem Tod. Das Mythische und da Mystische wissenschaftlich bewiesen. Zur Freude aller. Entgegen allen physikalischen Gesetzen entstand Leben, entwickelten sich statt dem Chaos Systeme. Entstand aus dem Einfachen das Komplexe. Mit der Ur-Replikase entstanden sich selbst organisierende Systeme. Später die Fotosynthese, welche Grundlage des Stoffwechsels u.s.w. u.s.f.. Nicht die Unordnung nimmt zu, wie sonst auf dieser Erde. Die Kraft, die aus Chaos Ordnung schafft, diese Energie ist den PhysikerInnen ein Rätsel.
Kein Rätsel bedeutet die Urreplikase den ChemikerInnen, denn für sie liegt sie in den Eigenschaften der Chemie. Bleibt nur noch die Frage der Gerichtetheit der Kraft, die kontinuierlich oder diskontinuierlich mit Ziel oder ziellos wirkt.
LabyrinthdenkerInnen der Vorzeit waren ihrer Zeit voraus. Gegenwärtige zeitigen die Zukunft und die Vergangenheit. In der nicht-linearen Zeit fällt der Ursprung mit dem Untergang zusammen. Absprung ist Aufprall. Eingang ist Ausgang. Der Mittelpunkt ist überall, in den die Extreme zusammenfallen. Eine Frage der Technik. Erzähl- und Aufnahmetechnik. Es könnte alles so sein. Aber es ist sicher ganz anders.

Der ausgeräumte Raum ist leergeträumt. Kein Klang, keine Schwingung, kein Schall, kein Widerhall. Nichts. Kein Ton, keine Intention. Leere. Der leergeträumte Raum ist frei.


14.4.2001
siehe auch: e-book Das Labyrinth im Irrgarten
siehe auch: bewusstsein entwickeln im labyrinth

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