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Sein - gespiegelt im Labyrinth

Ich bin hier. Stehe da und schaue. Auf das Labyrinth. Vor mir, der Eingang. Nein, noch will ich mich da nicht hineinbewegen. Ich habe es vor. Aber noch nicht jetzt. Zeit nehmen. Zeit lassen. Atmen. Wahrnehmen. Aufnehmen. Welch Anblick!
Die Autofahrt war lang und anstrengend. Ich blicke mich um. Diese riesige Wiese. Welch saftiges Grün. Ich atme tief aus. Blicke zum Himmel. Blicke zur Erde. Ich spüre mich stehen. Der Boden trägt. Der Himmel schützt. Ich bewege meine Arme, schwinge sie hin und her, lockere die angespannten Muskel. Ich lächle. Inmitten dieser Fläche vor mir: das Labyrinth. Das Labyrinth. Ich weiß, dass ein Labyrinth kein Irrgarten ist. Deswegen bin ich auch hier. Und nicht im Maislabyrinth, das tatsächlich ein Irrgarten ist. Ich will mich nicht verirren, will mich nicht verlaufen, will auch nicht ausprobieren. Nein, das stimmt nicht! Ich will etwas ausprobieren, will Neues erfahren. Aber ich will keinen Weg suchen, kein Ziel und auch keinen Ausgang. Und ich will mich auch nicht entscheiden müssen. Ich will sein und das Sein genießen. Warum gerade mit oder besser gesagt im Labyrinth? Diese Frage haben mir schon viele gestellt! Doch ich mag jetzt nicht weiterdenken - ich will wahrnehmen, spüren und mich bereit machen, mich einzulassen. Einlassen auf das Labyrinth, das auch mich einlässt.

Ich bewege mich langsam auf den Eingang zu und bleibe stehen, ehe ich den ersten Schritt ins Labyrinth setze. Langsame Annäherung. Mein Tempo. Mein Rhythmus. Es ist nichts Pathetisches dabei, nichts Theatralisches - ich konzentriere mich auf die Gegenwart, auf das, was jetzt ist, auf das, was sich verändert. Kinder laufen ins und durchs Labyrinth. Ich habe noch kein einziges Kind erlebt, das gegangen wäre. Warum ist das bei Erwachsenen anders? Will ich laufen? Nein, nicht wirklich. Ich stehe am Eingang und sehe das Zentrum. Ich weiß, dort wird der Weg enden, wenn ich gehe. Ich verfolge mit den Augen den Weg und verliere ihn doch aus den Augen. Aus Ungeduld. Dieser Weg pendelt hin und her. Und er beginnt auch nicht wie bei einer Spirale ganz außen. Die ersten Schritte führen in die dritte Bahn - von außen gezählt. Der Kopf - so gerne will er immer alles unter Kontrolle haben. Ich kann meine Gefühle abschalten und mechanisch, robotergleich diesen Weg gehen. Rein theoretisch. Dann passiert sicher nichts Unvorhergesehenes. Aber deswegen bin ich nicht da. Ich bin da, damit etwas in mir in Bewegung kommt. Ich bin da, um eine Erfahrung zu machen, von der ich nicht weiß, welche es sein wird. Manche mögen meinen, man/frau erlebt immer dasselbe. Aber so ist das nicht. Jede Erfahrung ist anders. Auch nach tausend Labyrinthbegehungen. Es ist wie beim Küssen. Jeder Kuss ist anders und eine Erfahrung für sich. Ich muss lächeln über diesen Vergleich.
Zögere ich meinen nächsten Schritt hinaus? Diese Frage stellt sich nicht. Zeit löst sich auf, spielt keine Rolle mehr. Das Wesentliche ist die Gestimmtheit, die Stimmigkeit. Der nächste Schritt: mein innerliches Abwenden vom Zentrum, den Blick auf den Boden vor mir. Hier beginnt die Reise. Hier ist der nächste Schritt.
Das Labyrinth wurde in Laufe der Jahrhunderte auch mit dem Lebensweg in Verbindung gebracht. Ich habe mehr als einmal von SeminarteilnehmerInnen nach ihrer Labyrinthbegehung gehört: Das hat etwas mit meinem Lebensweg zu tun! Ja. Das Labyrinth hat auch etwas mit meinem Lebensweg zu tun. Die existentiellen Fragen: Woher kommen wir? Wohin gehen wir? Welchen Sinn hat mein Leben? werden in jeder Zeit und jeder Kultur gestellt und beantwortet. Kulturgeschichte. Auch verbunden mit dem Labyrinth. Wenn wir davon ausgehen, dass das Labyrinth nachweislich 3200 Jahre alt ist und sehr wahrscheinlich um vieles älter, dann erstaunt es doch, dass gegenwärtig Hunderte Labyrinthe in Europa und den USA neu angelegt werden. Was fasziniert uns so?

Der Weg ins Labyrinth führt also sofort nahe ans Zentrum. Mit einer Grenzüberschreitung würde die Reise bereits jetzt im Zentrum enden. Der Weg zieht einen Bogen, kreisförmig, solange, bis eine Wendung den Weg in die andere Richtung führt. Damit vergrößert sich die Distanz zum Zentrum. Dieser Weg ist auch länger als der erste Bogen. Und auch hier mündet der Weg in eine Wendung nach außen - in den äußersten Gang. Hier ist die größte Nähe mit der Außengrenze und die größte Entfernung zum Zentrum. Die nächste Wendung führt wieder hinein, ins Innere des Labyrinths. Nach der nächsten Wendung führt der Weg wieder nach außen und auch der nächste Weg pendelt nach außen. Dann das Ende des Weges: Das Zentrum.
Das ist die Beschreibung des Weges. Nicht die Beschreibung der inneren Erfahrung.
Manche erleben einen Moment der Irritation und Verlorenheit, wissen einfach nicht weiter. Von außen ist das nicht nachvollziehbar, denn niemand kann auf diesem Weg verloren gehen. Da wird dann Innenwelt auf Außenwelt projiziert, wird das Labyrinth ein Spiegel. Doch ist das Labyrinth nicht nur ein Spiegel, es ist auch Erfahrungsraum - Raum der Möglichkeiten und Chancen, Raum für neue Erkenntnis und Lernprozesse. Es genügt, ja, es reicht an Herausforderung, einem Weg zu folgen, sich diesem zu überlassen. Manche berichten, dass lang vergessene Erinnerung hochkamen. Ein Gedanke kam in den Sinn, der erhellte, Probleme in neuem Licht zeigte oder gar eine Lösung war.
Wohin führen die Gedanken, wenn die Aufmerksamkeit nicht auf den Weg gerichtet sein muss? Nach Innen. Im Irrgarten führen die Gedanken ins Außen. Der Weg hat ein Zentrum. Habe ich ein Zentrum? Was ist mein Zentrum? Kann ich es wahrnehmen? Mich in Balance zu spüren, ist ein gutes Gefühl. Es ist verbunden mit innerer Ruhe, Zufriedenheit, Freude, Lachen und Liebe. Viele fragen sich, warum sie wieder aus dem Zentrum gehen müssen. Einige würden gerne für immer drinnen bleiben. Und doch haben sich bisher noch immer alle herausbewegt. Manche direkt geradeaus, die Wegspuren überschreitend, manche vollzogen die 180° Wendung und gingen den Weg zurück, manche fanden andere ihnen entsprechende Variationen.

Der Weg zurück. Vom Zentrum wieder zum Ausgangspunkt. Der lange Weg, nur um wieder dort zu stehen, wo ich begonnen habe? Allein die Vorstellung kann Widerstand hervorrufen. Und: Gibt es denn überhaupt ein Zurück? Und wenn es ein Zurück gibt, will ich zurück? Zurück in die alten Zeiten, wo alles angeblich so vieles besser war oder denen ich endlich glücklich entronnen bin? Zurück?

Wir werden nicht aufhören zu erkunden,
Und das Ende all unserer Erkundungen
Wird die Ankunft an der Stelle sein,
Wo wir begannen,
Und wir werden sie zum erstenmal erkennen.

Ist das des Rätsels Lösung? Ist es das, was uns das Labyrinth erfahren läßt?

In our beginning
is our end
in our end
is our beginning

Weise, wer diesen Sinn verstehen kann, begreift.

Und wer versteht den Sinn des Mythos' von Theseus und Ariadne? Blicken nicht alle immer auf Daedalus , den angeblichen Labyrinth-Architekten und dessen Sohn Ikarus? Gehört nicht alle Aufmerksamkeit immer Theseus und seinem Kampf gegen das Monster Minotaurus ? Ariadne wird nur erwähnt als jene, die sich in Theseus verliebt, ihm den roten Faden gibt, damit er ins Zentrum gelangen kann und die von ihm nach kurzer Zeit wieder verlassen wird. Sollte sich unser Blick nicht auch einmal differenzierter auf Ariadne richten?
Ariadne und ihr Faden.... In vielen Kulturen und so auch in unserer westlichen, steht die Spindel bzw. der Faden im Zusammenhang mit dem Schicksal. Das Spinnen ist eine Tätigkeit, bei der genau und anschaulich das Verstreichen der Zeit in Korrelation mit der Menge des produzierten Materials steht. Deswegen wurde der Spinnfaden zum Symbol des Zeitfadens. Die griechischen Schicksalsgöttinnen Klotho, Lachesis und Atropos sitzen im Mittelpunkt der Welt, spinnen die Schicksalsfäden der Menschen und schneiden das Leben ab, wie sie einen Faden durchtrennen. Sie haben Macht über Leben und Tod.
Das Spinnen des Fadens weist auch Ähnlichkeiten mit den sichtbaren Bewegungen des um den Polarstern kreisenden Sternenhimmels auf. Die Spinnerin wurde daher auch mit dem Himmel, den Jahreszeiten - der kosmischen Zeit- in Verbindung gebracht.
Ein gewebter Teppich bzw. Stoff ist das Produkt von Körper und Geist. Die innere Form ist geistig, die äußere Form der Decke ist auf dem Webstuhl gespannt. So verwebt, verknüpft, verbindet Ariadne mit ihrem Faden die Welt und all ihre Lebensbereiche miteinander.
Auch die Musik gehört zu Ariadne! Die Rahmentrommel, eines der ältesten bekannten Musikinstrumente, wird Frauen im sakralen Bereich zugeordnet. Die erste gemalte Darstellung einer Trommel befindet sich in einem Altarraum aus dem 6.Jt. in Catal Hüyük (Türkei). Erstaunlich oder auch nicht erstaunlich, doch die erste namentlich erwähnte trommelnde Person ist Lipuschiau. Sie lebte 2380 v.u.Z. in Uruk. Bei den SumererInnen bedeutet ein Wort für Rahmentrommel auch Getreidemaß. Der Kreis, den auch die Rahmentrommel bildet, symbolisiert auch Schutz. Auf den Boden wurde damals ein Mehlkreis angebracht, um in dessen Schutz Heilrituale durchzuführen. Noch in der Antike findet sich die Vorstellung, dass das Getreidesieb und die Rahmentrommel einen gemeinsamen Ursprung haben. Bis heute werden beide in Sizilien von denselben Handwerkern hergestellt. Daher wundert es nicht wirklich, dass Ariadne, kretische Mondgöttin, ehe sie durch die Griechen zur Prinzessin degradiert wurde, mit der Trommel abgebildet ist . Weil die Trommel auch als Quelle und Symbol weiblicher Sexualität, Spiritualität und Macht erlebt wurde, wurde infolge der gesellschaftspolitischer Umwälzungen mit dem Aufkommen des Christentums die Verbannung von Frauen und Trommeln aus dem religiösen öffentlichen Leben verstärkt. Der Einsatz der Trommel als Kriegswerkzeug stellt den Höhepunkt der Pervertiertheit der Musik dar. So gesehen steht die Geschichte der Eigenmächtigkeit der Frauen in engem Zusammenhang mit Ariadne und der Trommel sowie mit Krieg und Liebe.
Aus Liebe soll Ariadne ihr Volk verraten, ihren Stiefbruder Minotaurus dem Tod ausgeliefert, ihre Religion aufgegeben und auch ihre Heimat verlassen haben. Aus Liebe? Vielleicht aus Begierde? Vielleicht aus anderen Motiven. Aber welch ein Liebesbegriff wird mit solch lieblosen Inhalten verbunden und unreflektiert tradiert, die in der Entmachtung von Frauen enden - im Interesse des Patriarchats?
Für eine Theorie des Wandels ist eine klare Trennung zwischen Tatsachen und Annahmen über Tatsachen von entscheidender Bedeutung. Mythos und Wirklichkeit. Vorurteile und Vorstellungen verhindern im wahrsten Sinn des Wortes den Blick auf die Welt. Welche Überzeugungen liegen unserer Wirklichkeit zugrunde? Das sind oft vergessene aber dennoch die wesentlichen Fragen.

Ariadne und ihr Faden, der in einem Labyrinth keine materielle Hilfe ist, weil der Weg sowieso zur Mitte führt, was bedeuteten sie vor dreitausend Jahren, was bedeuten sie heute? Der Faden kann für Ermutigung stehen, weiterzugehen, nicht aufzugeben. Der Faden kann für die Liebe stehen, die sagt: es ist wie es ist . Er kann ein Bild für Vertrauen, Wissen oder einen Erkenntnisprozess bzw. für Verwicklung aber auch Entwicklung und Freiheit sein. Aber vielleicht bedeutet der rote Ariadnefaden etwas ganz anderes?

Von oben aus gesehen wirken Wasserläufe oft wie Fäden, die sich durch die Landschaft ziehen. Aus der Quelle entspringt der Bach, der zum Fluss wird. Durch Zuläufe anderer Bäche wird aus dem Fluss ein Strom, der in ein Meer mündet - oft in Form eines Deltas. Und ist ein Deltaverlauf nicht ein Irrgartenverlauf wie auch der Blitz am Abendhimmel seine Verzweigungen zeigt? Wer ihm folgt, muss Entscheidungen treffen und doch kommen alle ans Ziel, an die Küste, zum Meer. Formen der Natur werden zu Symbolen für Lebensaspekte, Lebenswegverläufe.
Nicht die Wahl tätigen: die Wahl sein! .....dann wird aus dem Irrgarten der Welt eine labyrinthische Welt, deren Grundverantwortung der Liebenszustand ist.

Noch immer stehe ich da. Ich habe das Labyrinth noch nicht durchschritten, bin es nicht durchwandelt, habe mich nicht wandeln lassen. Ich habe diese Zeilen geschrieben. Und nun, da ich fertig bin, lege ich Stift und Papier zur Seite, lege alles ab, um mich frei hineinbewegen zu können. Doch ehe ich es nun für mich tue, lade ich Sie ein, es für sich oder auch mit anderen, selbst zu erfahren!

 

erschienen in
Labyrinthe und Irrgärten
von Jürgen Hohmuth
176 Seiten; ca. 100 Farbfotos
geb. mit SU; 29,0 x 29,0 cm
ISBN: 3-89405-618-5
EUR 50,00 [D], 51,40 [A], CHF 82,00
Feb. 2003

 


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