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Texte zum Thema Labyrinth
von verschiedenen AutorInnen



Jasmin Ehsani

1.
der drang den linien zu folgen,
der innere widerstand
das hinspüren auf den widerstand
die auflösung des widerstandes
... den linien folgen!

2.
der weg zur mitte,
der weg zu mir
der weg zu meiner mitte?
freudig, angenehm, ununterbrochen!


Karin Endler

1.
LANGEWEILE macht sich breit. Auch ein ausgefallenes Muster nimmt nur
einen
Teil meines Gehirns in Anspruch. Der andere Teil schläft schon und
träumt von
bunten Blumen auf einer Sommerwiese. Kann ich sie im Inneren des
Labyrinths
erreichen? Der Weg dorthin ist lange, es wird eine LANGE WEILE dauern,
bis ich
ankomme.

2.
Auf Umwegen das Ziel suchen,
die vom Leben verschlungenen Wege zu Ende gehen,
erst schwungvoll,
dann zaghaft,
doch unaufhaltsam.

Im Innersten innehalten,
das Suchen ist zu Ende,
doch gefunden ist
NICHTS.

Beim Rückweg noch einmal die Enge spüren,
dann in großen Bögen alles umrunden,
um letztendlich
die Freiheit zu finden.

 


Michaela Graf

1.
Die Schlange, die Schlange, sie schlängelt sich herum.
Von außen nach innen, das ist ja gar nicht dumm.

2.
Struktur ist hier für mich der Strom der Gesellschaft dem ich folge: Ich habe schon öfters das Ziel vor Augen, aber ich muß noch eine Schleife ziehen und nochmals mit dem Strom mit schwimmen – nein – mich mitziehen lassen!
Dann, endlich, in der Mitte – ich denke in der Mitte zu sein, denn es verlief alles so rund und harmonisch. Aber beim längeren Verweilen und nachsinnen ist es für mich eigentlich gar nicht die Mitte, das Zentrum ist aus der Mitte verrückt!
VER – RÜCKT? was bedeutet das für mich?
· Man ist nicht zentriert – in sich, in seinen Gedanken, in der Gesellschaft
· Man steht nahe dem Mittelpunkt aber doch im Abseits
· Man dreht sich um´s Zentrum und findet den Weg nicht hinein
Sind wir denn nicht alle mehr oder weniger VER – RÜCKT?
Vielleicht steht die Gesellschaft ja nicht im Zentrum, ist aus diesem VER-RÜCKT und nur die Sogenannten „Verrückten“ haben das Glück die Mitte – IHRE Mitte – gefunden zu haben?!?

 


Christa Kerschner

1.
Ein eigenes Band
Verwoben und dicht
Entstanden im Raum der Fantasie
Quillt hervor unendlich und schlicht
berührt und verwandelt dich irgendwie

2.
Langes Suchen im grauen Dämmer
Leben schöpfen im Nirgendwo
Endet im Glauben an mich



Roswitha Perfahl

1.
Mit Farben
das symmetrische Gehirn
ohne Ecken und tote Enden
mit Widerständen versehen.

2.
Fließend, rund, und ausgewogen
mittendrin beginnen und innen
dann nach außen und ins Zentrum
und wieder hinaus.

 


E. B. Sturm

1.
hineinfinden
sehnsüchtig
suchen
zukunft
unbekannt
wände hoch
überragend
einengend
undurchsichtig
geheimnisvoll
angsteinflößend
hemmend
schwierig
lang

2.
ungeduldig
wartend
mitte
findend
begrenzung
spürbar
umkehr oder
rückkehr
zeichen
ermutigend
rätsel
gelöst
wohin
hinaus
aus

 


Sabine Szukitsch


1.
Zarter Beginn
führt mich
wohin?
Freudiges Tun
macht mich
nicht ruh'n.
Träumen das lässt
vergessen
den Rest.

2.
Die Augen verwirrt,
doch Sinn nicht verirrt.
Weg vorgegeben -
einfach erleben.

 


Ernst Wintersberger

1.
Ich fahre mit dem Stift
entlang der schwarzen Rille,
wobei ich mich ständig gift,
da ist ein Weg, aber kein Wille!

2.
Ich stoße ständig an den Rand
und bewege zittrig meine Hand,
damit das End` ich finde
von diesem endlosen Gewinde.


Franziska King

Labyrinth
Von Außen nach Innen
Im Kreise sich drehen
Den Weg selbst bestimmen
Das geht nicht im Stehen.
Es gibt einen Eingang
Das Ziel ist Gewiß
Dazwischen der Weg-
Lang und fremd er uns ist.
Der Punkt aus dem sich der Raum aufspannt
Ist uns so vertraut und bekannt
Dass wir ihn nicht sehen
Und auch nicht erkennen
So bleiben wir stehen
Können ihn nicht benennen.

 

Ilse M. Seifried
Sein - gespiegelt im Labyrinth
Ich bin hier. Stehe da und schaue. Auf das Labyrinth. Vor mir, der Eingang. Nein, noch will ich mich da nicht hineinbewegen. Ich habe es vor. Aber noch nicht jetzt. Zeit nehmen. Zeit lassen. Atmen. Wahrnehmen. Aufnehmen. Welch Anblick!
Die Autofahrt war lang und anstrengend. Ich blicke mich um. Diese riesige Wiese. Welch saftiges Grün. Ich atme tief aus. Blicke zum Himmel. Blicke zur Erde. Ich spüre mich stehen. Der Boden trägt. Der Himmel schützt. Ich bewege meine Arme, schwinge sie hin und her, lockere die angespannten Muskel. Ich lächle. Inmitten dieser Fläche vor mir: das Labyrinth. Das Labyrinth. Ich weiß, dass ein Labyrinth kein Irrgarten ist. Deswegen bin ich auch hier. Und nicht im Maislabyrinth, das tatsächlich ein Irrgarten ist. Ich will mich nicht verirren, will mich nicht verlaufen, will auch nicht ausprobieren. Nein, das stimmt nicht! Ich will etwas ausprobieren, will Neues erfahren. Aber ich will keinen Weg suchen, kein Ziel und auch keinen Ausgang. Und ich will mich auch nicht entscheiden müssen. Ich will sein und das Sein genießen. Warum gerade mit oder besser gesagt im Labyrinth? Diese Frage haben mir schon viele gestellt! Doch ich mag jetzt nicht weiterdenken - ich will wahrnehmen, spüren und mich bereit machen, mich einzulassen. Einlassen auf das Labyrinth, das auch mich einlässt.

Ich bewege mich langsam auf den Eingang zu und bleibe stehen, ehe ich den ersten Schritt ins Labyrinth setze. Langsame Annäherung. Mein Tempo. Mein Rhythmus. Es ist nichts Pathetisches dabei, nichts Theatralisches - ich konzentriere mich auf die Gegenwart, auf das, was jetzt ist, auf das, was sich verändert. Kinder laufen ins und durchs Labyrinth. Ich habe noch kein einziges Kind erlebt, das gegangen wäre. Warum ist das bei Erwachsenen anders? Will ich laufen? Nein, nicht wirklich. Ich stehe am Eingang und sehe das Zentrum. Ich weiß, dort wird der Weg enden, wenn ich gehe. Ich verfolge mit den Augen den Weg und verliere ihn doch aus den Augen. Aus Ungeduld. Dieser Weg pendelt hin und her. Und er beginnt auch nicht wie bei einer Spirale ganz außen. Die ersten Schritte führen in die dritte Bahn - von außen gezählt. Der Kopf - so gerne will er immer alles unter Kontrolle haben. Ich kann meine Gefühle abschalten und mechanisch, robotergleich diesen Weg gehen. Rein theoretisch. Dann passiert sicher nichts Unvorhergesehenes. Aber deswegen bin ich nicht da. Ich bin da, damit etwas in mir in Bewegung kommt. Ich bin da, um eine Erfahrung zu machen, von der ich nicht weiß, welche es sein wird. Manche mögen meinen, man/frau erlebt immer dasselbe. Aber so ist das nicht. Jede Erfahrung ist anders. Auch nach tausend Labyrinthbegehungen. Es ist wie beim Küssen. Jeder Kuss ist anders und eine Erfahrung für sich. Ich muss lächeln über diesen Vergleich.
Zögere ich meinen nächsten Schritt hinaus? Diese Frage stellt sich nicht. Zeit löst sich auf, spielt keine Rolle mehr. Das Wesentliche ist die Gestimmtheit, die Stimmigkeit. Der nächste Schritt: mein innerliches Abwenden vom Zentrum, den Blick auf den Boden vor mir. Hier beginnt die Reise. Hier ist der nächste Schritt.
Das Labyrinth wurde in Laufe der Jahrhunderte auch mit dem Lebensweg in Verbindung gebracht. Ich habe mehr als einmal von SeminarteilnehmerInnen nach ihrer Labyrinthbegehung gehört: das hat etwas mit meinem Lebensweg zu tun! Ja. Das Labyrinth hat auch etwas mit meinem Lebensweg zu tun. Die existentiellen Fragen: Woher kommen wir? Wohin gehen wir? Welchen Sinn hat mein Leben? werden in jeder Zeit und jeder Kultur gestellt und beantwortet. Kulturgeschichte. Auch verbunden mit dem Labyrinth. Wenn wir davon ausgehen, dass das Labyrinth nachweislich 3200 Jahre alt ist und sehr wahrscheinlich um vieles älter, dann erstaunt es doch, dass gegenwärtig Hunderte Labyrinthe in Europa und den USA neu angelegt werden. Was fasziniert uns so?

Der Weg ins Labyrinth führt also sofort nahe ans Zentrum. Mit einer Grenzüberschreitung würde die Reise bereits jetzt im Zentrum enden. Der Weg zieht einen Bogen, kreisförmig, solange, bis eine Wendung den Weg in die andere Richtung führt. Damit vergrößert sich die Distanz zum Zentrum. Dieser Weg ist auch länger als der erste Bogen. Und auch hier mündet der Weg in eine Wendung nach außen - in den äußersten Gang. Hier ist die größte Nähe mit der Außengrenze und die größte Entfernung zum Zentrum. Die nächste Wendung führt wieder hinein, ins Innere des Labyrinths. Nach der nächsten Wendung führt der Weg wieder nach außen und auch der nächste Weg pendelt nach außen. Dann das Ende des Weges: das Zentrum.
Das ist die Beschreibung des Weges. Nicht die Beschreibung der inneren Erfahrung.
Manche erleben einen Moment der Irritation und Verlorenheit, wissen einfach nicht weiter. Von außen ist das nicht nachvollziehbar, denn niemand kann auf diesem Weg verloren gehen. Da wird dann Innenwelt in Außenwelt projiziert, wird das Labyrinth ein Spiegel. Doch ist das Labyrinth kein kalter Spiegel, es ist Erfahrungsraum, Raum der Möglichkeiten und Chancen, Raum für neue Erkenntnis und Lernprozesse . Es genügt, ja, es reicht an Herausforderung, einem Weg zu folgen, sich diesem zu überlassen. Manche berichten, dass lang vergessene Erinnerung hochkamen. Ein Gedanke kam in den Sinn, der erhellte, Probleme in neuem Licht zeigte oder gar eine Lösung war. Wohin führen die Gedanken, wenn die Aufmerksamkeit nicht auf den Weg gerichtet sein muss? Nach Innen. Im Irrgarten führen die Gedanken ins Außen. Der Weg hat ein Zentrum. Habe ich ein Zentrum? Was ist mein Zentrum? Kann ich es wahrnehmen? Mich in Balance zu spüren, ist ein gutes Gefühl. Es ist verbunden mit innerer Ruhe, Zufriedenheit, Freude, Lachen und Liebe. Viele fragen sich, warum sie wieder aus dem Zentrum gehen müssen. Einige würden gerne für immer drinnen bleiben. Und doch haben sich bisher noch immer alle herausbewegt. Manche direkt geradeaus, die Wegspuren überschreitend, manche vollzogen die 180° Wendung und gingen den Weg zurück, manche fanden andere ihnen entsprechende Variationen.

Noch immer stehe ich da. Ich habe das Labyrinth noch nicht durchschritten, bin es nicht durchwandelt, habe mich nicht wandeln lassen. Ich habe diese Zeilen geschrieben. Und nun, da ich fertig bin, lege ich Stift und Papier zur Seite, lege alles ab, um mich frei hineinbewegen zu können. Doch ehe ich es nun für mich tue, lade ich Sie ein, es für sich oder auch mit anderen, selbst zu erfahren!

 

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